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Gründung 1815 in Jena: die "Urburschenschaft"

Die erste Burschenschaft wurde am 12. Juni 1815 in Jena gegründet – wenige Wochen nach der endgültigen Niederlage Napoleons bei Waterloo. Ihre Gründer waren größtenteils junge Männer, die als Freiwillige an den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Fremdherrschaft teilgenommen hatten. Anders als die bestehenden, nach Herkunftsregion organisierten Landsmannschaften wollte die neue "Burschenschaft" alle Studenten unabhängig von ihrer Heimat in einer einzigen, nationalen Gemeinschaft vereinen. Ihr Wahlspruch lautete "Ehre, Freiheit, Vaterland" – Ausdruck der Ideale von nationaler Einheit, bürgerlicher Freiheit und einem geeinten, konstitutionellen Deutschland, wie sie zu dieser Zeit unter Studenten und liberalen Kräften verbreitet waren.

Das Wartburgfest 1817

Ein zentraler Moment der frühen Burschenschaftsgeschichte war das Wartburgfest im Oktober 1817: Burschenschafter mehrerer deutscher Universitäten trafen sich anlässlich des 300. Jahrestags der Reformation und des vierten Jahrestags der Völkerschlacht bei Leipzig auf der Wartburg. Neben Reden für nationale Einheit und eine Verfassung wurden bei diesem Treffen auch reaktionäre und als "undeutsch" empfundene Schriften symbolisch verbrannt. Das Fest gilt bis heute als früher Ausdruck des deutschen Freiheits- und Einheitsstrebens, machte die Burschenschaften aber auch zur Zielscheibe der restaurativen Mächte der Zeit.

Verfolgung: Karlsbader Beschlüsse und Demagogenverfolgung

Nach der Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue 1819 durch den Burschenschafter Karl Ludwig Sand erließ der Deutsche Bund auf Betreiben Metternichs die Karlsbader Beschlüsse: Burschenschaften wurden in den deutschen Staaten verboten, es folgte die sogenannte "Demagogenverfolgung" gegen liberale und nationale Studentenbewegungen. Burschenschaften bestanden in der Folge über Jahrzehnte im Verborgenen oder unter anderem Namen fort und beteiligten sich am Vormärz und an der Revolution von 1848/49 – zahlreiche ehemalige Burschenschafter saßen in der Frankfurter Nationalversammlung.

Schwarz-Rot-Gold

Die Farben Schwarz-Rot-Gold, die viele Burschenschaften seit ihrer Gründung tragen, gelten als Ursprung der heutigen deutschen Nationalfarben. Sie gehen auf die Uniform des Lützowschen Freikorps zurück und wurden von den frühen Burschenschaften als Symbol der ersehnten nationalen Einheit und Freiheit übernommen – über die Weimarer Reichsverfassung fanden sie schließlich Eingang in die Flagge der Bundesrepublik Deutschland.

Spätes 19. Jahrhundert und Weimarer Republik

Im späteren 19. Jahrhundert, insbesondere nach der Reichsgründung 1871, verschob sich die politische Ausrichtung vieler Burschenschaften zunehmend in eine nationalistische, teils völkische Richtung. Ab Ende des 19. Jahrhunderts und verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg übernahmen zahlreiche Burschenschaften einen sogenannten "Arierparagraphen", der jüdische Studenten von der Mitgliedschaft ausschloss – ein historisch belegter und heute kritisch reflektierter Teil dieser Entwicklung. 1919 gründete sich mit der Deutschen Burschenschaft (DB) ein großer Dachverband, innerhalb dessen nationalistische Strömungen in der Weimarer Zeit weiter an Gewicht gewannen.

Nationalsozialismus

Wie die übrigen Studentenverbindungen wurden auch die Burschenschaften ab 1933 unter Druck gesetzt und lösten sich 1935/36 überwiegend selbst auf – unabhängig davon, wie einzelne Burschenschaften politisch ausgerichtet waren, duldete der NS-Staat keine von der Partei unabhängige Studentenorganisation.

Deutsche Teilung: Verbot in der DDR, Neuanfang im Westen

Nach 1945 kam es in Westdeutschland zu Neu- und Wiedergründungen; die Deutsche Burschenschaft als Dachverband wurde 1950/51 neu konstituiert. In der DDR blieben Burschenschaften hingegen durchgehend verboten. Burschenschaften an Hochschulen, die nun im Osten lagen, bestanden vielfach nur noch über ihre nach Westdeutschland geflüchteten Alten Herren fort, bis eine Rückkehr an die ursprünglichen Hochschulstandorte erst mit der Wiedervereinigung 1989/90 wieder möglich wurde. Die politische Ausrichtung der einzelnen Burschenschaften ist seither breit gefächert: Sie reicht von ausdrücklich liberalen und linken bis zu national-konservativen Positionen.

Burschenschaften heute: Vielfalt statt Einheitsbild

Heute existieren mehrere hundert Burschenschaften mit ganz unterschiedlicher Ausrichtung und Selbstverständnis – von strikt unpolitischen und explizit demokratisch-pluralistisch orientierten Verbindungen bis zu Bünden mit deutlich national-konservativer Ausrichtung. Innerhalb der Deutschen Burschenschaft (DB), eines von mehreren bestehenden Dachverbänden, kam es 2012 bis 2014 zu einem offenen Richtungsstreit über rechtsextreme Tendenzen in Teilen des Verbands. Zahlreiche Burschenschaften traten daraufhin aus Protest aus der DB aus und gründeten mit der Neuen Deutschen Burschenschaft (NDB) einen eigenen, sich davon bewusst abgrenzenden Dachverband. Solche Tendenzen prägen in der öffentlichen Wahrnehmung oft das Bild von "der" Burschenschaft schlechthin – gemessen an der Gesamtzahl der bestehenden Burschenschaften handelt es sich dabei jedoch um ein Phänomen, das nur einen kleinen, medial besonders sichtbaren Teil der Szene betrifft. Die weit überwiegende Mehrheit der Burschenschaften versteht sich nicht in diesem Sinne. Wie sich unsere eigene Burschenschaft definiert und welche Werte uns wichtig sind, findet sich im Reiter "Selbstverständnis".